Hintergrundinformationen zur Umbenennung der „M-Straße“

Die Berliner „Mohrenstraße“ soll umbenannt werden!

Der 23. August ist der Internationale Tag zur Erinnerung an den Versklavungshandel und seine Abschaffung. Wir nehmen diesen Tag zum Anlass, Berlins direkte Beteiligung an dem über Jahrhunderte hinweg praktizierten Verbrechen an der Menschheit in Erinnerung zu rufen. Selbst wenn die Stadt das gern verschweigt: Durch Berliner und Brandenburger, die im heutigen Ghana eine Kolonialfestung errichteten, wurden im späten 17. Jahrhundert fast 20.000 Menschen aus Westafrika in die Karibik deportiert.

Auch in die Residenzstadt Berlin wurden damals eine Anzahl versklavter Minderjähriger verschleppt. Sie wurden zum Dienst am Hof und im Heer der brandenburgischen Kurfürsten und preußischen Könige gezwungen und von der weißen Bevölkerungsmehrheit mit dem Begriff „Mohren“ diskriminiert. Der zu Beginn des 18. Jahrhunderts vergebene Straßenname transportiert diese rassistische Gewalterfahrung Schwarzer Menschen in Berlin bis in die Gegenwart.

Wir fordern den Stadtbezirk Berlin Mitte daher nachdrücklich dazu auf, die Straße nach einer verdienten Persönlichkeit afrikanischer Herkunft umzubenennen und im öffentlichen Raum über die Gründe für diesen Namenswechsel zu informieren.

 Ist das M-Wort rassistisch?

Vor allem weiße Menschen maßen sich an, die von ihnen verwendete Fremdbezeichnung M. für Schwarze Menschen als „harmlos“ zu bewerten. Seit der Antike schwang dabei jedoch auch das griechische Wort moros (μωρό[ς]) in der Bedeutung von „töricht“ und „dumm“ mit. Im europäischen Mittelalter kam dazu die Vorstellung vom schwarzen Teufel, der im Mittelhochdeutschen auch direkt als mōr bzw. hellemōr bezeichnet wurde. In der Hochzeit des transatlantischen Versklavungshandels verfestigte sich in Deutschland das mit dem M-Wort verbundene Bild eines unzivilisierten, schmutzigen und zur Arbeit für die weißen (Kolonial-)Herrschaften bestimmten Menschen. Im 20. Jahrhundert schlug sich die Abwertung dann schließlich in der kolonialrassistischen Werbefigur des kindlichen und diensteifrigen „Sarotti-M.“ nieder, die vom verantwortlichen Konzern inzwischen (halbherzig) verfremdet und umbenannt wurde.

Wer fordert die Umbenennung?

Von den Verteidiger_innen des Straßennamens wird immer wieder behauptet, dass nur eine kleine radikale Gruppe gegen die Bezeichnung protestiere. Doch das Gegenteil ist der Fall: Eine der ersten scharfen Kritikerinnen war die prominente Schwarze Aktivistin May Ayim (1960-1996), die bereits in den 1990er Jahren gegen die damalige Benennung des gleichnamigen U-Bahnhofs protestierte und auf die Verantwortungslosigkeit der politisch Zuständigen verwies. 2004/05 forderten dann alle 20 Mitgliedsorganisationen des Afrika-Rats Berlin Brandenburg die Umbenennung zu Ehren einer afrikanischen Persönlichkeit. Heute unterstützen auch der Zentralrat der Afrikanischen Gemeinde in Deutschland, die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland, der Migrationsrat Berlin Brandenburg sowie eine Reihe von entwicklungspolitischen Landesnetzwerken mit hunderten von Mitgliedsorganisationen dieses Anliegen. Mehrmals im Jahr bringen sie mit Demonstrationen vor Ort ihren entschiedenen Protest gegen den diskriminierenden Namen zum Ausdruck.

Soll hier Geschichte „ausgelöscht“ werden?

Initiativen weißer Menschen, die sich wie die Anwohnerinitiative „Pro Mohrenstraße“ vehement für die Beibehaltung des diskriminierenden Straßennamens einsetzen, unterstellen den kritischen Organisationen, dass sie einen wichtigen Teil der Berliner Stadtgeschichte auslöschen wollen. Auch hier ist das Gegenteil der Fall: So ist es hauptsächlich ihrem Engagement zu verdanken, dass die noch immer peinlich verschwiegene Geschichte des Straßennamens und des brandenburgisch-preußischen Kolonial- und Versklavungshandels heute überhaupt öffentlich diskutiert wird. Zudem fordern die Initiativen nicht zur Tilgung von Geschichte sondern zu einem historischen Perspektivwechsel auf: Im U-Bahnhof und auf Infotafel sollen der bisherige Straßenname, die Gründe für die Umbenennung sowie der neue Name ausführlich thematisiert werden. Als alternative Namensgeber schlagen sie verdiente Persönlichkeiten afrikanischer Herkunft wie zum Beispiel Nelson Mandela (1918-2013) als Kämpfer gegen Rassismus oder Anton Wilhelm Amo (1703-ca. 1753) vor, der als Kind selbst versklavt und nach Deutschland verschleppt wurde und Preußens erster Universitätsgelehrter aus Afrika und Streiter für die Rechte der Schwarzen in Europa war.

Wie kann die Umbenennungsinitiative unterstützt werden?

Der jetzige Straßenname verletzt die Würde Schwarzer Menschen in Berlin und schadet nachhaltig dem Ansehen der Stadt. Es ist daher höchste Zeit zu handeln: Schreibt dem Bezirksbürgermeister oder dem Kulturausschuss Protestbriefe oder -mails, beteiligt Euch an unserem jährlichen Umbenennungsfest, werdet im Bündnis „Decolonize Mitte“ aktiv oder berichtet Euren Freund_innen und Verwandten über die kolonialrassistische Geschichte des Straßennamens. Die Umbenennung der Straße wird in jedem Fall kommen, aber allein unser gemeinsames Engagement wird darüber entscheiden, wann wir unser größtes und letztes Fest in der M-Straße feiern!

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