{"id":163,"date":"2015-01-27T15:53:15","date_gmt":"2015-01-27T13:53:15","guid":{"rendered":"http:\/\/decolonize-mitte.de\/?p=163"},"modified":"2017-08-11T21:26:19","modified_gmt":"2017-08-11T19:26:19","slug":"offener-brief-des-zentralrats-der-afrikanischen-gemeinde","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/decolonize-mitte.de\/?p=163","title":{"rendered":"Offener Brief des Zentralrats der afrikanischen Gemeinde"},"content":{"rendered":"<p>Moctar Kamara<br \/>\nVorsitzender<br \/>\nZentralrat der afrikanischen Gemeinde in Deutschland e.V.<\/p>\n<p>Berlin, 26.01.2015<\/p>\n<p>An Herrn Dr. Philipp Lengsfeld; MdB<\/p>\n<p><strong>Betr.: <\/strong><strong>Ihre Stellungnahme vom 22.01.2015 bzgl. der Berliner M-Stra\u00dfe<\/strong><\/p>\n<p>Sehr geehrter Herr Dr. Philipp Lengsfeld,<\/p>\n<p>als ich Ihre Stellungnahme bez\u00fcglich der Ansage der M-Stra\u00dfe durch Dieter Hallervorden im \u201eTagesspiegel\u201c gelesen habe, habe ich zuerst gedacht, Sie w\u00e4ren falsch zitiert worden. Ich habe dann Ihre Webseite besucht und das Original Ihrer Pressemitteilung gelesen. Zuerst eine kleine Richtigstellung: Herr Dieter Hallervorden wurde niemals von postkolonialen Aktivisten und Aktivisten der Schwarzen Community zum Verantwortlichen f\u00fcr den Namen M-Stra\u00dfe gemacht, wie Sie schreiben. Herr Hallervorden hat vor zwei Jahren die rassistische Praxis von Black Facing in seinem Theaterst\u00fcck &#8222;Ich bin nicht Rappaport&#8220; wiederbelebt. F\u00fcr die afrikanische und Schwarze Community in Deutschland ist eine Person, die rassistische Klischees bzgl. Schwarzer Menschen verbreitet, noch weniger als jeder andere geeignet, einen diskriminierenden Stra\u00dfennamen anzusagen. Es ist, als ob Herr Hallervorden nun auch noch einen Preis bek\u00e4me f\u00fcr seine fragw\u00fcrdige Haltung bzgl. Black Facing.<\/p>\n<p>Sie schreiben zudem \u201eder Anwurf, dass dieser Name \u201akolonialrassistisch sei, wird zwar von einer kleinen radikalen Initiative permanent wiederholt, aber von einer Mehrheit der Stadthistoriker, Kommunalpolitiker und Anwohner mit Nachdruck zur\u00fcckgewiesen.\u201c Ich erlaube mir, Ihnen hier zu widersprechen: Die Umbenennung der M-Stra\u00dfe wurde schon 2004 von mehr als 20 afrikanischen Vereinen Berlins mit Unterst\u00fctzung des Migrationsrates Berlin-Brandenburg gefordert. Heute unterst\u00fctzen zahlreiche afrikanische Vereine und Organisationen Schwarzer Menschen in ganz Deutschland die Umbenennung dieses skandal\u00f6sen Stra\u00dfennamens. Stattdessen fordern sie die Ehrung einer afrikanischen Pers\u00f6nlichkeit, die sich aktiv gegen Rassismus und f\u00fcr die Gleichberechtigung Schwarzer Menschen engagiert hat. In der umbenannten Stra\u00dfe sollte dann \u2013 da stimmen die Organisationen mit Ihnen \u00fcberein \u2013 eine Info-Stele errichtet werden, die Auskunft gibt \u00fcber den alten Stra\u00dfennamen, die Gr\u00fcnde der Umbenennung und \u00fcber die Pers\u00f6nlichkeit, die fortan geehrt werden soll. Die Bezirksverordnetenversammlung von Berlin-Mitte hat zudem die Forderung nach Umbenennung der M-Stra\u00dfe damals nicht offiziell zur\u00fcckgewiesen oder abgelehnt \u2013 die Entscheidung dazu wurde vielmehr aufgeschoben. Keineswegs hat die Mehrheit der Kommunalpolitiker &#8211; wie Sie schreiben &#8211; mit Nachdruck den rassistischen Charakter der Bezeichnung bestritten.<\/p>\n<p>Der Begriff \u201eMohr\u201c war und ist eine Bezeichnung f\u00fcr Schwarze Menschen &#8211; und die Umbenennungsgegner bestreiten dies auch nicht. Dass die M-Stra\u00dfe zur <em>Ehrung<\/em> einer in Berlin empfangenen <em>gro\u00dfen<\/em> Delegation von Schwarzen im Jahr 1684 ihren Namen bekam, geh\u00f6rt zu den Legenden der besch\u00f6nigenden wei\u00dfen Geschichtsschreibung. Einerseits ist nur der Besuch von <em>zwei<\/em> Abgesandten aus dem heutigen Ghana, die sich in Berlin dem Kurf\u00fcrsten unterwerfen sollten, historisch belegt. Andererseits ist auch sicher, dass Schwarze im Europa der Fr\u00fchen Neuzeit alles andere als geehrt wurden. H\u00e4tten die als \u201eMohren\u201c bezeichneten Menschen damals Gleichberechtigung erfahren, w\u00e4re der erste afrikanische Gelehrte in Deutschland, Anton Wilhelm Amo, sicher nicht mit seiner Dissertation \u00fcber die (fehlenden) Rechte von Schwarzen in Europa hervorgetreten. H\u00e4tten die so genannten \u201eMohren\u201c hier gleiches Ansehen wie Wei\u00dfe genossen, w\u00e4re es den Brandenburgern wohl kaum m\u00f6glich gewesen, die Versklavung von ca. 20 000 afrikanischen Menschen und ihre Verschleppung \u00fcber den Atlantik zu rechtfertigen. Auch die Zeit vor der direkten deutschen Kolonialherrschaft im 19. Jahrhundert war also schon gepr\u00e4gt von einer stark diskriminierenden, rassistischen Grundhaltung, die sich in entsprechenden Stereotypen und Fremdbezeichnungen f\u00fcr Schwarze Menschen niederschlug. Selbst ber\u00fchmte Philosophen wie Hegel und Kant haben \u2013 auch wenn dies in Deutschland bis heute gern ignoriert wird &#8211; in ihren Werken verbreitet, dass Schwarze Menschen als kulturlose Menschen zu betrachten w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Die so genannten \u201eMohren\u201c wurden in der Regel als Kinder versklavt und nach Berlin verschleppt: Sie mussten als Kammerdiener, Soldaten oder Musiker die Macht und den Einfluss der preu\u00dfischen Herrscher repr\u00e4sentieren. Der wegen breiter \u00f6ffentlicher Kritik inzwischen umbenannte und abgewandelte Sarotti-M steht beispielgebend f\u00fcr dieses stereotype Gebilde \u201eMohr\u201c, das als Produkt kolonialherrschaftlicher Phantasien wei\u00dfer Europ\u00e4er betrachtet werden muss. Die deutsche Sprache ist, wie Sie sicher wissen, voll von Redewendungen, die mit dem Begriff \u201eMohr\u201c neben Exotik auch Abwertung, Unterw\u00fcrfigkeit, Dummheit und Infantilit\u00e4t verbinden. Der Begriff ist daher genau wie das N-Wort ganz ohne Zweifel eine rassistische und beleidigende Fremdbezeichnung f\u00fcr Schwarze Menschen. Sie geh\u00f6rt folglich ebenso wenig auf ein Stra\u00dfenschild wie die Namen von Kolonialverbrechern wie Peters, Nachtigal, L\u00fcderitz, Wissmann und Woermann, die trotz aller Proteste in Berlin noch immer mit Stra\u00dfennamen geehrt werden.<\/p>\n<p>Als Schwarze Menschen erwarten wir von deutschen Politikern und besonders von Bundestagsabgeordneten, die im Menschenrechtsausschuss t\u00e4tig sind, einen respektvollen Umgang mit unserer kleinen Minderheit innerhalb der deutschen Gesellschaft. F\u00fcr Schwarze Menschen ist es v\u00f6llig unakzeptabel, dass sich <em>wei\u00dfe<\/em> Deutsche anma\u00dfen, dar\u00fcber zu entscheiden, was eine rassistische Beleidigung f\u00fcr uns ist und was nicht.<\/p>\n<p>Wir freuen uns auf Ihre positive Mitwirkung in der Debatte um die M-Stra\u00dfe und ihren neuen Namen, und hoffen, dass Sie auch das Anliegen der afrikanischen\/Schwarzen Community bez\u00fcglich dieser Stra\u00dfe verstehen werden. Zudem m\u00f6chten wir Sie einladen, an unserem allj\u00e4hrlichen Gedenkmarsch f\u00fcr die Millionen afrikanischer Opfer von Sklaverei, Sklavenhandels, Kolonialismus und rassistischer Gewalt am 28.02.2015 in Berlin teilzunehmen. Der Marsch, der ein zentrales Denkmal f\u00fcr unsere Toten in Berlin fordert, beginnt um 11 Uhr an der Gedenktafel f\u00fcr die Berliner Afrika-Konferenz in der Wilhelmstra\u00dfe und wird dann durch die gesamte M-Stra\u00dfe verlaufen.<\/p>\n<p>Mit freundlichen Gr\u00fc\u00dfen<\/p>\n<p>Moctar Kamara<br \/>\nVorsitzender<br \/>\nZentralrat der afrikanischen Gemeinde in Deutschland e.V.<br \/>\n0172-1797958<\/p>\n<p><strong>Mitgliedsorganisationen des Zentralrats der afrikanischen Gemeinde in Deutschland <\/strong><\/p>\n<ol>\n<li>Afrika-Rat-Dachverband afrikanischer Vereine und Initiativen Berlin-Brandenburg e.V.<\/li>\n<li>Afrikanische \u00d6kumenische Kirche e.V.<\/li>\n<li>Afrikanisches Samariterwerk e.V.<\/li>\n<li>Afrikanisches Wirtschaftsforum<\/li>\n<li>AFROTAK TVcyberNomads, Berlin<\/li>\n<li>Amicale des Amis de La Mauritanie &#8211; Freundeskreis Mauretanien e.V.<\/li>\n<li>ANEE e. V. African Network for Education and Entertainment<\/li>\n<li>Association des Guin\u00e9ens de Berlin e.V.<\/li>\n<li>Associaton des Ivoirien de Berlin e.V.<\/li>\n<li>BLACK FLOWERS e.V., Potsdam<\/li>\n<li>Deutscher F\u00f6rderverein e. V.<\/li>\n<li>Egbe Omo Onduduwa e.V<\/li>\n<li>Ghanaian Community<\/li>\n<li>Global Afrikan Congress, Berlin<\/li>\n<li>IAAH &#8211; Angolanische Antimilitarische Menscheninitiative e. V.<\/li>\n<li>Initiative Oury Jalloh<\/li>\n<li>Initiative Schwarze Menschen in Deutschland \u2013 ISD-Bund e.V.<\/li>\n<li>Joliba &#8211; Interkulturell Leben und Arbeiten e.V., Berlin<\/li>\n<li>KADIB &#8211; Komitee f\u00fcr ein afrikanisches Denkmal in Berlin<\/li>\n<li>LONAM &#8211; Das afrikanische Magazin, Berlin<\/li>\n<li>Mama Afrika e.V., Berlin<\/li>\n<li>NIDO e.V. &#8211; Nigerian in Diaspora<\/li>\n<li>Nigerian Community Berlin e.V.<\/li>\n<li>Oromo Horn von Afrika-Zentrum e.V.<\/li>\n<li>PAF- Panafrikanisches Forum e.V.<\/li>\n<li>Pan-African Women&#8217;s Empowerment and Liberation Org. &#8211; PAWLO Germany e.V.<\/li>\n<li>Pro &#8211; Afrika e.V.<\/li>\n<li>Refugees Emancipation e.V.<\/li>\n<li>Remix e.V.<\/li>\n<li>Sierra Leone Community e.V.<\/li>\n<li>Sudanclub e.V.<\/li>\n<li>Sudangemeinde Berlin &amp; Brandenburg e.V.<\/li>\n<li>Sunugaal e.V.<\/li>\n<li>Togo Act<\/li>\n<li>Uganda Community Berlin<\/li>\n<li>Umoja wa Tansania e.V.<\/li>\n<li>Women in Exile<\/li>\n<li>Afrikarat-Nord e.V.<\/li>\n<li>Panafrikanischer Verein Arma e.V., Hannover<\/li>\n<li>African Muslim Union e.V., Hannover, Hamburg, Bremen<\/li>\n<li>Benkady e.V., Burgdorf<\/li>\n<li>Balimaya Ton e.V. \u2013 Frauen aus Mali, Senegal, Niger, Guinea-Conakry, Elfenbeink\u00fcste, HH<\/li>\n<li>Ivorische Gemeinde in Hannover und Umgebung A.I.H.E e.V.<\/li>\n<li>Afrikanischer Dachverband Nord e.V. (ADV-Nord)<\/li>\n<li>Egbe IsedaleAti Ilosiwaju Omo Yoruba e.V.<\/li>\n<li>Kamerunische Gemeinschaft Hannover e.V.<\/li>\n<li>Hilfe f\u00fcr ehemalige Kindersoldaten und afrikanische Kriegsopfer e.V.<\/li>\n<li>Ghana Association e.V.<\/li>\n<li>Afrika Promotion &amp; Projekt<\/li>\n<li>Pro Lufalanga e.V.<\/li>\n<li>AK Panafrikanismus M\u00fcnchen e.V.<\/li>\n<li>Afrika Bund e.V., Hamburg<\/li>\n<\/ol>\n<p><strong>Weitere Unterst\u00fctzer dieses Briefes und einer Umbenennung der Berliner M-Stra\u00dfe<\/strong><\/p>\n<ol>\n<li>AfricAvenir International e.V., Berlin, Douala, Windhoek<\/li>\n<li>Aktion 3.Welt Saar<\/li>\n<li>Aktionsgruppe M-Stra\u00dfe, Berlin<\/li>\n<li>Anti-bias-netz, Berlin<\/li>\n<li>Ausl\u00e4nderarbeit der Ev. Galil\u00e4a-Samariter-Kirchengemeinde, Berlin<\/li>\n<li>Barnimer Kampagne &#8222;Light me Amadeu&#8220;, Eberswalde<\/li>\n<li>Berliner Entwicklungspolitischer Ratschlag e.V. \u2013 Landesnetzwerk der Berliner entwicklungspolitischen Nichtregierungsorganisationen (mit 100 Mitgliedsorganisationen)<\/li>\n<li>Berliner Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes-Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten e.V.<\/li>\n<li>Berlin Postkolonial e.V.<\/li>\n<li>Bildungswerkstatt Migration &amp; Gesellschaft e.V., Bremen<\/li>\n<li>B\u00fcndnis gegen Rassismus, Berlin<\/li>\n<li>B\u00fcndnis \u201eH\u00e4nde weg vom Wedding\u201c, Berlin<\/li>\n<li>B\u00fcndnis \u201eNo Humboldt 21!\u201c, Berlin<\/li>\n<li>Eine Welt der Vielfalt e.V<\/li>\n<li>Eine-Welt-Landesnetzwerk Mecklenburg Vorpommern e.V., Rostock<\/li>\n<li>Eine Welt Netzwerk Hamburg, e.V.<\/li>\n<li>Erinnerungsorte. Praxisforschungsprojekt an der Alice Salomon Hochschule Berlin<\/li>\n<li>Fachstelle KINDERWELTEN f\u00fcr Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung am Institut f\u00fcr den Situationsansatz\/ Internationale Akademie INA gGmbH<\/li>\n<li>Frauenkreise Berlin<\/li>\n<li>Germanwatch e.V., Berlin<\/li>\n<li>glokal e.V., Berlin<\/li>\n<li>Initiative with WINGS and ROOTS, Berlin<\/li>\n<li>Interkulturelles Frauenzentrum S.U.S.I., Berlin<\/li>\n<li>Informationsb\u00fcro Nicaragua e.V., Wuppertal<\/li>\n<li>GR\u00dcNE JUGEND, Berlin<\/li>\n<li>korientation e.V, (Netzwerk von Asiatischen Deutschen, Asiaten und Asiatinnen in Deutschland), Berlin<\/li>\n<li>Kurdische Gemeinde zu Berlin-Brandenburg e.V.<\/li>\n<li>Kurdisches Zentrum e.V., Berlin<\/li>\n<li>Leapfrog e.V., Berlin<\/li>\n<li>Leipzig Postkolonial<\/li>\n<li>M\u00e4dchenmannschaft e.V., Berlin<\/li>\n<li>[muc] m\u00fcnchen postkolonial<\/li>\n<li>Miteinanders gGmbH, Hamburg<\/li>\n<li>Migrationsrat Berlin-Brandenburg e.V. (mit 67 Mitgliedsorganisationen)<\/li>\n<li>NicaNetz &#8211; Freiwilligen-Netzwerk Nicaragua e. V., Erfurt<\/li>\n<li>Projekt \u201eFreedom Roads! koloniale stra\u00dfennamen \u2013 postkoloniale erinnerungskultur\u201c, Berlin\/Hamburg<\/li>\n<li>Phoenix e.V., Duisburg<\/li>\n<li>Stoffwechsel e.V. &#8211; Dialoge und Projekte zur F\u00f6rderung des Menschenrechts auf Bildung, Karlsruhe<\/li>\n<li>Tanzania-Network.de e.V., Berlin<\/li>\n<li>Verein zur F\u00f6rderung der St\u00e4dtepartnerschaft Kreuzberg &#8211; San Rafael del Sur e.V., Berlin<\/li>\n<li>W3 &#8211; Werkstatt f\u00fcr internationale Kultur und Politik e.V., Hamburg<\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Moctar Kamara Vorsitzender Zentralrat der afrikanischen Gemeinde in Deutschland e.V. 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